Automatic Double Tracking

Automatic Double Tracking, abgekürzt ADT, englisch für etwa »automatische Verdoppelung einer Aufnahme«, auch Artificial Double Tracking, seit Mitte der 1960er-Jahre gebräuchliches Verfahren bei der Tonaufnahme mit analogen Geräten, einer bereits vorhandenen Aufnahme eine zeitlich geringfügig verzögerte Kopie dieser Aufnahme hinzuzufügen; das Verfahren nutzt einen psychoakustische Effekt und wird besonders bei Vokal Aufnahmen angewendet.

Sinn des Automatic Double Tracking ist es, die Klangfülle einer Stimme durch Verdoppelung zu vergrößern. Das Verfahren nutzt einen psychoakustischen Effekt, der auftritt, wenn zwei oder mehr ähnliche Instrumente unisono gespielt werden: Dem Hörer erscheint die Klangfülle des zu Hörenden größer als die Zahl der beteiligten Instrumente nahe legt. So ergibt sich etwa in der Kombination von Sopransaxophon und Tenorsaxophon, die unisono erklingen, dem Hörer der Eindruck, es mit wenigstens drei Saxophonen zu tun zu haben. Dieser Effekt wird stillschweigend bei der Instrumentation von Musik – so auch im Streichorchester – einkalkuliert. Ursache des Effekts sind geringfügig unterschiedliche Intonation wie Phasenverschiebungen.
Der Effekt ist auch in Blues, Jazz, Rock und Pop bekannt und wird etwa für Hammond-Orgeln durch den Rotationslautsprecher genutzt. Bei der Aufnahme der menschlichen Stimme ergibt sich die Schwierigkeit, dass jede menschliche Stimme originär ist. Das Verdoppeln der Stimme geschieht zwar im Satzgesang – wenn etwa zwei oder mehr Sänger unisono singen –, doch unterschiedne sich die Klangfarben der Stimmen. Als nach Ende des Zweiten Weltkriegs Tonbandgeräte für Tonaufnahmen genutzt werden konnte, ersannen Tontechniker das später so genannte Manual Double Tracking. Dabei wird eine Gesangs- oder Instrumentalstimme wie gewohnt aufgenommen, danach singt derselbe Sänger den Pat noch einmal ein beziehungsweise wird die Instrumentalstimme ein zweites Mal eingespielt. Buddy Holy und der Gitarrist Les Paul etwa haben diese Methode mehr als einmal angewendet. Technisch war es auch möglich, zwei getrennt eingespielte Aufnahmen auf einer gemeinsamen Spur zusammenzuführen. Den größten Effekt hatte die Technik – die später mit Multitrack-Bandgeräten einfacher durchgeführt werden konnte –, wenn der jeweilige Sänger seinen Part tatsächlich zweimal sang. Angewendet wurde das in der Tat mühselige Double Tracking vor allem bei Sängern mit so genannter »kleiner« Stimme. Ein Beispiel des Effektes bietet etwa der Song »Not A Second Time« (»With The Beatles«; 1963), gesungen von John Lennon.
John Lennon war oft gefordert, seiner Stimme per Double Tracking mehr Wirkung zu geben. Entsprechend unzufrieden war er mit der Technik, bis der Toningenieur Ken Townshend, Mitarbeiter der Abbey-Road-Studios, 1966 einen Weg fand, das zweite Einsingen des Parts überflüssig zu machen. Er benutzte dazu zwei Tonbandgeräte benutzte: Eines spielte die erste Aufnahme ab und führte sie einem zweiten Tonbandgerät zu, dessen Bandgeschwindigkeit in sehr engen Grenzen variiert wurde. Danach wurden die beiden Aufnahmen auf einer Tonbandspur zusammengefasst. Im Prinzip handelt es sich dabei um ein Delay-Verfahren. Da die Schwankung der Bandgeschwindigkeit aber nur sehr gering ist, resultiert das Zusammenführen der Aufnahmen weder in einem Nachhall noch in einem Echo.
Die Beatles haben ADT bereits bei den Aufnahmen zu »Revolver« (1966) ausgiebig erprobt und auch bei späteren Produktionen immer wider angewendet. Häufig wurde einer verdoppelten Stimme etwa von Lennon auch eine einfache oder eben auch verdoppelte Stimme von McCartney zu einer Gesangsstimme zusammengeführt, einer der Gründe für den besonderen Beatles-Vokalklang. Das ADT-Verfahren selbst ist im direkten Vergleich mit Manual Double Tracking jedoch durchaus zu entdecken, denn eine tatsächlich ein zweites Mal eingesungen Stimme weicht in vielen winzigen Details von der ersten Einspielung ab; dies lässt sich mit nur einer vorhandenen Stimme nicht mittels Technik exakt nachahmen.
Beide Techniken – Manual wie Automatic Double Tracking – standen am Anfang der Effektgeräte, die mittels Signalverzögerung und den daraus resultierenden Phasenverschiebungen arbeiten. Das ADT führte zur Entwicklung von Phasern und Flangern. Die digitale Aufnahmetechnik machte die Prozedur dann endgültig überflüssig, wenn es auch immer wieder Sängerinnen und Sänger gibt, die das Verfahren favorisieren; manche unterziehen sich sogar dem Manual Double Tracking.
Das Automatic Double Tracking dürfte – abgesehen davon, dass es diversen Sängern eine unliebsame Aufgabe abnahm – einigen Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik der mittleren 1960er-Jahre gehabt haben. Psychedelic Rock etwa bezog seinen »Sound«, seinen mitunter verschwimmenden Gesamtklang der Tatsache, dass Aufnahmetechniken angewendet wurden, bei denen Phasenverschiebung eine wichtige Rolle spielten.

Literatur

Martin, George: All You Need Is Ears; London 1979
Southall, Brian/Vince, Peter/Rouse, Allan: Abbey Road: The Story of the World’s Most Famous Recording Studios; London 1982
Gould, Jonathan: Can’t Buy Me Love – The Beatles, Britain, and America; London 2007

Diskografie

The Beatles: With The Beatles (1963)
The Beatles: Revolver (1966)