Home-Recording

Home-Recording, zusammengesetzt aus englisch home und recording für etwa »zuhause aufnehmen«, Bezeichnung für das Aufnehmen von Musik im häuslichen Privatbereich.

Die ersten Tonbandgeräte für den Privatbereich wurden Anfang der 1950er-Jahre vorgestellt. Es handelte sich um Tonbandgeräte, die mit einer Bandgeschwindigkeit von 19 cm/sec oder 9,5 cm/sec liefen und für die Aufnahme entweder die gesamte Breite des Tonbandes benutzten oder aber in Zweispurtechnik ausgelegt waren, also die knapp die Hälfte der Bandbreite nutzten. Aufnahme von Musik waren mit Hilfe eines oder mehrerer Mikrophone – dann unter Verwendung eines externen Mischpultes – möglich, doch war es nicht möglich, die fertigen Aufnahmen weiter zu bearbeiten. Einige Geräte wiesen eine so genannte »Überspieltaste« auf, die das Abschalten des Löschkopfes ermöglichte; auf diese Weise konnte zwar einer bestehenden Aufnahme eine weitere hinzugefügt werden, doch litt die Qualität mit jeder weiteren Aufnahme erheblich. Die später verfügbaren Vierspur-Geräte erlaubten das Überspielen einer Spur auf eine andere, so dass die ursprünglich wieder für eine neue Aufnahme zur Verfügung stand; beide Aufnahmen konnten dann gemeinsam abgespielt werden.

An diesen grundsätzlichen Beschränkungen änderte auch die in den 1960er-Jahren verfügbar gewordenen Kassettenrekorder nichts. Grundsätzlich waren diese Geräte eher für das Abspielen fertig bespielter Tonbandkassetten gedacht und für eigene Aufnahmen daher nur mit Einschränkungen brauchbar, zumal die Bandgeschwindigkeit dieser Geräte lediglich 4,75 cm/sec betrug. Doch nutzten viele Musiker die kleineren Geräte, die zu dem auch mit Batterien betrieben werden konnte, als eine Art »akustisches Notizbuch«. Zahllos die Demo-Aufnahmen, die mit diesen kleinen tragbaren Geräten angefertigt wurden und als Grundlage für professionelle Aufnahmen dienten. Vereinzelt, wie etwa im Falle der von John Lennon zurückgelassenen Songs »Free As A Bird« und »Real Love«, fanden diese Demo-Aufnahmen sogar den Weg bis auf Schallplatte und CD.

Bis zur Markteinführung des Portastudios der Firma Tascam im Jahre 1979 war das Wort Home-Recording noch nicht zum Begriff geworden. Der kleine Kassettenrekorder Tascams bestand aus einem Vierspur-Kassettenrekorder, der das Band mit einer Geschwindigkeit von 9,5 cm/sec transportierte, und über ein eingebautes kleines Mischpult verfügte. Zunächst waren zwei Spuren gleichzeitig bespielbar, die dann auf die übrigen zwei übertragen wurden und somit die ersten beiden Spuren wieder verfügbar machten. Spätere Modelle der Portastudio-Serie boten mehr Möglichkeiten, bald gab es auch Geräte mit mehr als vier Spuren. Wenn die Aufnahmequalität der Tascam-Geäte – die bald von anderen Firmen kopiert wurden – auch weitaus höher war als die simpler Kassettenrecorder, so genügte sie dennoch nicht professionellen Ansprüchen und taugte nicht für die Produktion eines endgültigen Mastertapes. Dies war schon eher mit herkömmlichen Spulentonbandgeräten möglich, die einige Firmen mit vier, acht oder sogar 16 Spuren ausgestattet herstellten.

Dieser semiprofessionelle Bereich wurde im Laufe der 1980er-Jahre von der nun auch Amateuren zugänglichen Digitaltechnik abgelöst. Am Anfang dieser Entwicklung standen die Computer C64 der Firma Commodore und die ST-Serie der Firma Atari. Letztere Computer waren ab Werk mit einer MIDI-Schnittstelle ausgerüstet und stellten bald den Standard in der semiprofessionellen Musikproduktion, in bestimmten Bereichen der elektronischen Musik auch der professionellen Musikproduktion dar. Einsetzbar waren allerdings nur Musikinstrumente mit elektronischer Klagerzeugung, die ebenfalls über eine MIDI-Schnittstelle verfügten. Gesteuert wurden diese Synthesizer durch Software-Sequencer wie Logic und Cubase, die in der Konzeption an Lochstreifen für Pianolas erinnerten. Aufnahme von Gesang und traditionellen Instrumenten musste hingegen noch auf herkömmliche Weise erfolgen, und auch für das Herstellen des Mastertapes waren herkömmliche Bandgeräte notwendig.

Einen großen Fortschritt im Home Recording stellte die Einführung der so genannten Soundkarte für Computer dar. Die Soundkarten enthielten neben einer MIDI-Schnittstelle einen kleinen Synthesizer und einen A/D-D/A-Wandler, mit dessen Hilfe es möglich war, selbst Klänge und Geräusche zu digitalisieren. Professionellen Ansprüchen genügte die Audio-Qualität dieser in den Computer einzusteckenden Karten zwar nicht, doch stellten sie dem Musiker ein bald unverzichtbares Werkzeug zur Verfügung, um Kompositionen nicht nur in groben Umrissen aufzunehmen, sondern auch schon Instrumentation und Arrangement vorzunehmen. Bald war es mittels der weiter entwickelten Software-Sequencer möglich, auch Audios direkt in vorhandene MIDI-Arrangements einzubinden. Im Laufe der 1990er-Jahre trennte sich aus diesem Grund die Entwicklung auf: Einerseits wurden die überkommenen Sequencer nunmehr in einem semiprofessionellen Bereich verwendet – mit im Home Recording zustande gekommenen Dateien kann man ohne weiteres auch professionelles Studioequipment ansteuern –, andererseits gibt es seitdem Software, unter deren Einsatz es möglich ist, ausschließlich mit Audiodaten zu arbeiten und Musikstücke in einer Art Collage-Verfahren aus Samples zusammenzustellen. Diese Methode der Musikproduktion entspricht zwar im Prinzip der professionellen Produktion von Musik, doch sind Programme wie Garage Band von Apple vor allem für Amateurmusiker gedacht.

Innerhalb des ersten Jahrzehnts nach der Jahrtausendwende wurden gerade diese Programme zügig weiterentwickelt. Zwar steht immer noch das Kombinieren von konfektionierten Samples im Vordergrund, doch können diese Digital Audio Workstations längst auch mit MIDI-Daten und VST– Instrumenten umgehen.

Parallel zu dieser Entwicklung verloren die mit Soundkarten gegebenen Möglichkeiten an Bedeutung und werden allenfalls noch für die Audio-Ausgabe verwendet. An Bedeutung gewonnen haben aber so genannte Audio-Controller, die über USB mit dem Computer verbunden werden. Dabei gibt es zwei Typen: Zum einen können sie die durch die Recording-Software vorgegebenen Regelmöglichkeiten übernehmen, also etwa Mischpultfunktionen und Transportfunktionen wie Vorlauf, schneller Vorlauf usw., zum anderen können Controller mit einer Tastatur – zwischen zwei und fünf Oktaven umfassend –, mit denen es möglich ist, Software-Musikinstrumente oder angeschlossene Keyboards oder Expander zu steuern; die meisten Controller bieten auch MIDI-Ein- und Ausgang.

Im Laufe der 1990er-Jahre sind die Grenzen zwischen Home-Recording und professionellem Recording nicht nur unscharf geworden, sondern wurden geradezu aufgehoben. Professionelle Geräte und Software sind auch für den Amateur erschwinglich geworden, zumal die Entwicklung professioneller Software ohne die Beachtung des Amateur-Marktes gar nicht möglich wäre. So gibt es von den meisten Software-Sequencern und DAWs »abgespeckte« Versionen, die dennoch Dateien liefern, die allemal professionellen Ansprüchen genügen können. Nicht wenige Musiker produzieren ihre Musik zuhause – also im Home-Recording – und benötigen das Studio allenfalls noch für die Überarbeitung der Produktion. Dabei kann der Gerätepark im Home-Recording sehr überschaubar gehalten werden: Der britische Gitarrist, Komponist und Produzent Steven Wilson etwa benötigt für die Produktion seiner Musiker im Wesentlichen einen mit einer DAW-Software ausgestatten Computer und ein kleines Multieffektgerät. Bei jüngeren Musikstilen wie Hiphop und den verschiedenen Ausprägungen elektronischer Tanzmusik wird zwischen Home-Recording und professioneller Produktion nicht unterschieden, und selbst bei herkömmlicher Rockmusik wie etwa Heavy Metal werden Teilbereiche der Produktion im Übungsraum oder im heimischen Wohnzimmer erledigt. Reale Musikinstrumente fungieren dabei mitunter lediglich noch als »Trigger«: Der Schlagzeuger beispielsweise spielt zwar seinen Part, doch werden die von ihm produzierten Anschläge auf Trommeln und Becken in MIDI-Daten umgesetzt und erst später vom Produzenten mit Klängen versehen.

So ist der Begriff Home-Recording Anfang des 21. Jahrhunderts längst nicht mehr das, was er bis in die 1980er-Jahre war, sondern hat nunmehr eine ganz andere Bedeutung, ist nicht mehr Vorstufe von Komposition oder gar Produktion, sondern eine Art Hobby ohne die Ambition, mit Musik auch Geld verdienen zu wollen.

Diskografie

The Beatles: Anthology 1 (1995)
The Beatles: Anthology 2 (1996)
The Bealtes: Nothing Is Real – The Making of Strawberry Fields Forever (1992)
Steven Wilson: Insurgentes (2009)

Literatur

Peel, John: Making 4-Track-Music; London 1987
Maurer, Rudolf/Taucher, Günther/Brantner, Gernot: Das Vierspur-Aufnahmestudio – Homerecording für Amateure und Profis; München 1989
Rößler, Anselm (Hrsg.): Keys Pocket Guide Musikproduktion; Bergkirchen 2004, Sonderheft der Zeitschrift Keys
Kaiser, Carsten: Homerecording; Kaarst 22009
Hau, Andreas: Der Homerecording Guide: Der kompakte Ratgeber für den optimalen Einstieg; München 2008

Weblinks

http://www.apple.com/de/ilife/garageband/ (Offizielle Website zu Garage Band)
http://www.samplitude.com/ (Offizielle Website zu der DAW Samplitude)
http://www.steinberg.net/de/home.html#/cubase6 (Offizielle Website der Firma Steinberg und deren Programm Cubase)
http://www.apple.com/de/logicstudio/ (Offizielle Website der Firma Apple und deren Programm Logic)